Nach 42 Jahren beim Leihamt: Kurt Thomaschek geht in den wohlverdienten Ruhestand

28. April 2022
Kurt Thomaschek, Betriebsleiter im Leihamt in Mannheim / Foto: privat

Kurt Thomaschek, Betriebsleiter im Leihamt in Mannheim | Foto: privat

Als Kurt Thomaschek bei uns anfing, trug man Vokuhila, Wollstulpen und Karottenjeans. Wer damals, im Mai 1980, schnell Geld durch einen Pfandkredit brauchte, brachte Teppiche, Lederjacken, Gemälde oder Pelze ins Leihamt. 42 Jahre später haben sich zwar die Pfänder geändert, die Menschen aber nicht. Einige davon dürften Thomaschek bald vermissen. Denn nach 42 Jahren geht unser dienstältester Kollege Ende April in den wohlverdienten Ruhestand.

Auch heute noch sind die Gründe, warum Menschen einen finanziellen Engpass durch einen Pfandkredit im Leihamt überbrücken wollen, die gleichen. Und auch heute noch sind die Summen, die die Menschen brauchen, sehr unterschiedlich. „In der einen Stunde kommt eine Oma, die ihrem Enkel mit 10 Euro eine Freude machen will. In der nächsten Stunde kommt ein älteres Ehepaar, das 10.000 Euro braucht, um das Bad barrierefrei zu gestalten“, sagt Thomaschek.

Bei uns im Leihamt fing er an, nachdem er als 18-Jähriger seine Ausbildung als Verwaltungsangestellter bei der Stadt Mannheim abgeschlossen hatte. Denn hier tat sich unerwartet eine Chance als Schätzer auf. Der Funke für das neue Metier sprang sofort über. „Perlenkurs, Farbsteinkurs, Diamantgutachterkurs – ich habe keine Schulung ausgelassen, um mich fit zu machen“, erzählt der 63-Jährige begeistert. Nicht selten wanderten seinerzeit Hunderte von Videorekordern, analogen Kameras, fein geknüpften Seidenteppichen, Nerzen und großen Farbfernsehern jährlich in das Lagerhaus. Bald platzte es aus allen Nähten, so dass unser Leihamt im Juni 1990 in das jetzige Jugendstilgebäude in D 4 umzog. Damals wie heute wissen unsere Schätzer:innen nie, welche Wertgegenstände und welche Menschen der Tag an ihre Schalter bringt. Und genau diese Abwechslung und Spannung liebt Thomaschek an seiner Arbeit bis heute.

 

Pfandkredit sicherte Liquidität für Dachdecker

Ob es eine ungewöhnliche Beratung in den 42 Dienstjahren gab, die ihm im Gedächtnis geblieben ist? „Nach einem Orkan waren in der gesamten Region Rhein-Neckar etliche Dächer abgedeckt“, erzählt er. Goldene Zeiten für Dachdecker:innen, möchte man meinen. Nur auf den ersten Blick, denn: „Tatsächlich vergehen viele Monate, bis die Firmen ihr Geld sehen. Denn zuerst müssen sie die Ziegel oder Dachsteine als Material einkaufen. Dann wird das Haus gedeckt und das Personal bezahlt. Das Geld aus der Hausversicherung der Kundschaft kommt erst Monate später.“ Der Dachdecker hatte bei seiner Bank den Kreditrahmen bereits ausgeschöpft und hätte keine weiteren Aufträge annehmen können. Unser Kollege jedoch konnte ihm durch einen Pfandkredit schnell und unbürokratisch aus der Bredouille helfen.

So wurden über die Jahrzehnte für Thomaschek viele Kund:innen zu vertrauten Gesichtern – darunter auch Menschen aus Freiburg, Karlsruhe oder Köln. Warum sie die lange Wegstrecke gern in Kauf nahmen? „Das Vertrauen, das unser Leihamt als einziges kommunales Pfandhaus in ganz Deutschland genießt, ist einzigartig“, meint Thomaschek. Denn die Kolleg:innen werden nicht nach Provision bezahlt, sondern können unabhängig die Kundschaft beraten. Ein Beispiel: Es zahlt sich unmittelbar aus, den Pfandkredit stückchenweise zu tilgen. Denn wenn bei einem Pfandkredit in Höhe von 500 Euro monatlich 50 Euro getilgt werden, sinken automatisch und sofort auch die fälligen Zinsen und Gebühren. Die Kundschaft spart also bares Geld. Genau dieses Feingefühl macht die Beratung im Leihamt fair und Menschen wie Kurt Thomaschek zu im wahrsten Sinne des Wortes „geschätzten“ Ansprechpartner:innen.

 

Autorin: Stefanie Badung