Die Menschen im Leihamt: Jürgen Rackwitz

17. November 2020
Der Herr der Pfänder: Jürgen Rackwitz, Geschäftsführer des Leihamts in Mannheim

Der Herr der Pfänder: Jürgen Rackwitz, Geschäftsführer des Leihamts in Mannheim / Foto: Axel Heiter

Wenn Jürgen Rackwitz eins so richtig gut kann, dann ist es das: gute Gelegenheiten erkennen, ehrgeizige Ziele setzen und sich dann dorthin durchbeißen. Das war schon im Gymnasium so, das der Spross einer Handwerkerfamilie besuchte, und das gilt auch noch heute. Chef des Leihamts und damit „Herr der Pfänder“ ist er seit 2001.

Hätte er keine zwei linken Hände gehabt, dann würde Jürgen Rackwitz heute vielleicht in der Schlosserei Geländer und Türen fertigen. So allerdings überzeugte der damals Zehnjährige seinen Vater, den Aufnahmetest für das Gymnasium machen zu dürfen. Und schloss prompt als bester dabei ab. Dass danach alles wie am Schnürchen lief, kann man jedoch nicht behaupten. Nachdem er in der Sexta mit einer glatten Sechs in Deutsch gestartet war, kämpfte er sich in den Folgejahren stets eine Note nach oben. Bis er das Deutsch-Abitur mit einer glatten Eins bestand.

 

Schnell Geld, ohne sich „nackig“ zu machen

Schon diese Episode zeigt: Wenn er fest an etwas glaubt, dann kämpft der gebürtige Monnemer (Mannheimer) sich durch. Schon 19 Jahre führt er die Geschäfte des einzigen öffentlich-rechtlichen Leihamts in Deutschland, das vor mehr als 200 Jahren gegründet wurde. Seit 1809 kommen die Bürger*innen Mannheims hierher, wenn sie schnell, unkompliziert und ohne sich „nackig“ machen zu müssen Geld brauchen. Zum Beispiel, wenn ein Strafzettel beglichen, ein Begräbnis finanziert oder ein Unternehmer mit geplatzter Rechnung ein Projekt vorfinanzieren muss.

Die Transaktion ist einfach: Der Kunde bringt eine Bohrmaschine, einen goldenen Ring, eine Trompete, ein Fahrrad oder andere Preziosen, die beliehen werden können. Die Mitarbeiter*innen des Leihamts schätzen den Wertgegenstand. An der Kasse zahlen die Kollegen oder Kolleginnen den vereinbarten Pfandkredit dann aus – bar und ab 2021 auch per EC-Karte.

Bis der Kunde seinen persönlichen Schatz, das Pfand (Plural: Pfänder), wieder auslöst, wird er im Leihamt sicher verwahrt. Kann der Kunde die aufgelaufenen Zinsen und das Entgelt nicht bezahlen, wird der Wertgegenstand bei einer Versteigerung verwertet, sprich verkauft. Erzielt der Auktionator dabei einen höheren Preis als die vereinbarte Summe, darf sich der Kunde über diesen unerwarteten Geldsegen freuen.

 

„Leihamt ist Leben pur!“

Die Kundschaft des Leihamts geht durch alle Schichten. Sozialer Status zählt hier nicht. Das einzige, was zählt, ist das Pfand. Dass er seine Karriere nach Stationen bei der Universität Heidelberg und dem Klinikum Mannheim als Pfandleiher krönen würde, hätte sich der dreifache Familienvater nicht träumen lassen. Dabei hat dieses „Orchideenfach“ für den gelernten Diplom-Verwaltungswirt so viele faszinierende Facetten wie kein anderes. „BWL, VWL, Verwaltungsorganisation, öffentliches und privates Recht, Mitarbeiterführung, Marketing – die Themen sind umfangreich, aber gerade das hält mich auf Trab.“

Als Chef des Leihamts ist Rackwitz über sein Team einerseits nah an den Menschen, muss andererseits aber auch betriebswirtschaftlich denken. Seit 19 Jahren steuert er seine „kleine Fregatte“ und in dieser Zeit hat sich einiges verändert. So gab es um die Jahrtausendwende beispielsweise noch keine Frauen am Schalter. Ein großer Fehler, fand Rackwitz, und stellte als erste Aktion qualifizierte Gemmologinnen, also Fachfrauen für Schmuck und Edelsteine, ein. Auf sein Team, das aus sieben Gutachter*innen und fünf Mitarbeiter*innen im Backoffice besteht, lässt der 60-Jährige übrigens nichts kommen. Er schätzt dessen Gelassenheit, mit einem Chef auszukommen, dem „alle fünf Minuten etwas Neues einfällt“.

 

Das einzige, das bewertet wird, ist das Pfand

Obwohl das Leihamt schon seit so langer Zeit ein rettender Hafen für die Mannheimerinnen und Mannheimer ist, haben viele noch eine große Scheu, dort Hilfe zu suchen. Zu groß ist die Angst vor Stigmatisierung. Dabei geht es dort fair, anständig und immer freundlich zu. Die Kunden und Kundinnen haben feine Antennen und sie spüren: Hier ist ein Ort, an dem keine persönlichen Entscheidungen bewertet werden. Das einzige, was hier neutral und sachlich bewertet wird, ist das Pfand.

Denn zum einen ist das Leihamt in D 4 keine dunkle Kaschemme, sondern ein heller, offener und prächtiger historischer Bau, der einst sogar als Kulisse für einen Hollywoodfilm diente. Zum anderen bedienen die Mitarbeiter*innen die Kundschaft mit Fingerspitzengefühl, Sachkunde und Höflichkeit.

Denn eins, so Rackwitz, solle man nie vergessen und zitiert einen Kollegen: „Nur das Schicksal hat den einen Menschen vor und den anderen hinter den Schalter gesetzt. Das ist aber keine Zuweisung für immer, denn genauso schnell kann das Schicksal zuschlagen und einem alles entreißen, was man zuvor als selbstverständlich angenommen hat.“ Die Sensibilität, sich dessen bewusst zu sein, trägt dazu bei, dass die Mitarbeiter*innen des Leihamts auf Augenhöhe mit ihren Kunden sprechen. Und diese fühlen die Wertschätzung und fühlen sich gut aufgehoben.

 

Ein Monnemer Bloomaul

Wer sich mit dem Hobbyautor und -maler in seinem luftigen, hellen Büro mit schöner Stuckrosette und knallgelber, selbst gestalteter Lampe unterhält, merkt schnell: Da redet jemand, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Der mit Wortwitz brilliert und andere humorvoll unterhält. Der für Dinge einsteht, die ihm am Herzen liegen, und auch das verbale Gefecht nicht scheut. Der selbst mit Augenzwinkern betrachtet – „… bin schon ein Gockel, der teure Schreibgeräte liebt und sich einen himmelblauen Porsche kaufen würde, wenn er das Geld dafür hätte“. Genau das macht ein „Bloomaul“ aus. In Mannheim genießt es die höchste Anerkennung.