Fakes: Fluch oder Segen?

04. Juli 2023 Jürgen Rackwitz
Jürgen Rackwitz

Das Leihamt | Foto: Axel Heiter

Mit Fakes meinen wir Plagiate, Fälschungen, Produktverfälschungen, Kopien und keine „News“.
Ein Beitrag von Jürgen Rackwitz.

Meine Blogs, merke ich, drehen sich um Themen, die uns jeden Tag begegnen, die viele interessieren und betreffen. Alle wissen, da stimmt etwas nicht, aber niemand tut etwas dagegen. Wie bei einem tropfenden Wasserhahn. Alle kennen das. Lieber liegt man die ganze Nacht wach, genervt vom zunehmenden Tropfen des Wasserhahns, als aufzustehen und etwas dagegen zu tun. Meist fängt es ganz harmlos an. Genauso ist es bei den Fakes.

Wer kennt sie nicht aus dem Urlaub: die goldene Rolex am Strand, das Lacoste-Shirt mit schief aufgebügeltem Krokodil im Souvenirladen, die Handtasche in der Kasbah. In der Karibik gibt’s das ab zwanzig Dollar zusammen mit einem Haifischzahn zum Umhängen für mich, weil der Händler versichert, dass das zu einem richtigen Mann gehört.

In Izmir betraten wir einen überaus edlen Laden. Der Verkäufer bot mir ungeniert gefakte T- Shirts und Hemden an und legte echte Ware daneben. Die würden beide in seiner Fabrik gefertigt. An den echten würde er fast nichts verdienen, an den Fälschungen würden wir beide gut verdienen, denn die Qualität wäre identisch. Das echte T-Shirt kostet in Deutschland 140 €, das Plagiat bei ihm 60 € (runtergehandelt 40 €). Wir verließen das Geschäft mit vollen Tüten.

Letzte Ausbaustufe: Webportale wie Alibaba. Dort bekommt jeder für 1.500 Dollar gefälschte Luxusuhren oder für 150 Dollar Luxushandtaschen. Bei den Dingern müssen selbst Profis die Lupe mit 10-facher Vergrößerung nehmen, um den Unterschied zu echter Ware zu erkennen. Mein Finger war mehr als einmal davor, auf eine AP Royal Oak für 1.200 € zu klicken, die aktuell in echt ca. 50.000 € kostet. Was beim türkischen T-Shirt problemlos ging, funktionierte hier erstaunlicherweise nicht.

 

Schneller als Rolex

Der Markt mit den Fakes boomt, die Umsätze übertreffen stellenweise den der Originale. Das Marketing, die Produktion und der Service der Fälscher sind mittlerweile erstklassig. Wenn Rolex auf der Uhrenmesse in Basel ein neues Modell zeigt, können Sie zwei Tage später den Fake ordern, lange bevor Rolex selbst ausliefert. Passt dann Rolex deswegen die Farbe der Lünette an, können sie zwei Wochen später das gefälschte Update mit angepasster Lünette kaufen.

Die strafrechtliche, markenrechtliche und auch volkswirtschaftliche Betrachtung des Phänomens schenke ich mir. Das ist hinlänglich bekannt.
Mich interessiert der soziologische und psychologische Hintergrund. Da lohnt ein kleiner Sidestep zu den Fake News von Ex-Präsident Donald Trump. Jeder weiß, dass der lügt, dass sich die Balken biegen, genauso wie der russische Außenminister Lawrow seit 20 Jahren der Welt die Hucke voll lügt. Warum funktioniert das? Erstens weil solche Typen so überzeugend lügen können und zweitens, weil wir immer nur das hören, was wir glauben wollen. Viele der Wahrheiten passen zu unseren Vorurteilen wie der sprichwörtliche Deckel auf den Topf. Lügen sind wie Ausatmen, ohne würden wir ersticken. Fakes sind materialisierte Lügen.

Der Kauf eines Imitats ist sicher eine Form von Selbstbetrug und, wie wir wissen, Betrug am Original.

Früher leistete sich jemand eine Rolex, weil er reich war oder so viel Geld hart erarbeitet hatte, um sich eine leisten zu können. Rolex ist deshalb nicht nur ein Symbol für unvergängliche Qualität, sondern auch für Erfolg und Reichtum, gepaart mit der Eigenschaft, das auch selbstbewusst zu zeigen. Neid ist und war immer die ehrlichste Form der Anerkennung.

Mittlerweile sind echte Rolexmodelle wie die GMT Master II in schwarz zuverlässige Wertanlagen. Also kaufen Liebhaber der echten Rolex eine solche, legen sie in den Tresor und tragen ein gutes Imitat. Das ist Selbstbetrug hart an der Grenze zur Hybris.

 

Auch die Straßenwalze hilft nicht

Die Hersteller der begehrten Luxusartikel gehen höchst unterschiedlich mit Fälschungen um. Gucci hatte zeitweise nichts gegen Fakes, so konnte sich die arme Putzfrau auch eine Handtasche mit einem Gucci-Logo leisten. Rolex und Cartier ziehen seit ewigen Zeiten wie Don Quijote gegen die Pest der Fälscher zu Felde. Cartier fuhr einmal im Jahr in Paris medienwirksam mit der Straßenwalze über einen Berg von Plagiaten.

Die armen Zollbeamten tun, was sie können, aber vergebens. Wenn auf der Photokina in Köln die Zöllner einen Stand eines chinesischen Anbieters schließen, weil der patentverletzend Fotoapparate anbietet, können sie sicher sein, dass einen Tag später ein neuer Stand aufmacht.

Warum kaufen Menschen für 15.000 € und damit 4.000 € über Listenpreis eine echte Rolex, wenn sie für 1.000 € eine gute Kopie kaufen könnten, die die Zeit genauso exakt anzeigen kann? Warum kaufen Menschen ein Fake, obwohl sie wissen, dass sie damit nicht erfolgreich werden oder nicht wirklich zur Upper Class gehören werden?

Weil sie es können! Früher war einmal im Jahr Weihnachten und man hatte einmal im Jahr Geburtstag. Vielleicht starb einmal im Leben jemand, der einem etwas vererbte. Wenn die Kinder aus dem Haus waren und die Wohnung abbezahlt war, ging man zum Konzessionär und kaufte eine Rolex. Nach Rabatt fragte man nicht. Etwas schüchtern trat man mit der Uhr am Arm nach draußen, setzte sich in ein Straßencafé und hoffte, irgendwer würde die Zwiebel für 6.400 € bemerken. Eigentlich war nur wichtig, eine zu besitzen, sich eine leisten zu können und sie bar bezahlt zu haben. Allein schon deswegen war man stolz.

Heute gibt es das Internet, da kann man sich jeden Tag belohnen. Kaum einer will mehr warten. Amazon Prime liefert am nächsten Morgen. Der freundliche Rolex-Onlinehändler liefert die Finanzierung gleich mit. Fakes kann man genauso einfach bestellen. Bei Nichtgefallen wird das ganze kostenfrei zurückgeschickt. Diese Verbraucherschutzvorschrift gilt für Originale und Fälschungen!

 

Fakes als Ventil

Schönheitsoperationen, Autotuning, Schuhe mit hohen Absätzen, falsche Wimpern – wir wollten alle schon immer mehr sein und größer sein als andere. Ohne diese Eigenschaften würden wir uns heute noch mit Lendenschurz von Baum zu Baum hangeln. Der Mensch strebt, solange er lebt. Lügen, Betrügen, Übertreiben und Angeben ist zutiefst menschlich. Fakes sind da ein wirksames Ventil für den menschlichen Überdruck an Geltungsbewusstsein.

Dann kamen Corona und der Krieg in der Ukraine. Dort kämpfen die Menschen bis zur Selbstaufgabe um ihre Freiheit, jeder teilt in den Trümmern mit seinem Nachbarn das wenige, was ihm geblieben ist, um gemeinsam zu überleben. Wir Deutschen müssen plötzlich feststellen, dass nichts mehr selbstverständlich ist und man nicht alles mit Geld kaufen kann.

Meine Rolex liegt seit Monaten im Banktresor, habe ich gerade festgestellt. Ob sie echt ist oder nicht ist, spielt dabei keine Rolle mehr. Wir brauchen eine neue echte Heizung. Hätten wir keinen echten Bausparvertrag, wäre meine Rolex jetzt online.

 

Autor: Jürgen Rackwitz

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