Uhrmachermeister Helmut Dietz gehört zum Schätzerteam im Leihamt | Foto: Axel Heiter
Nicht nur gegen hinterlegtes Gold gewährt das Mannheimer Leihamt Sofortkredite. Ob teure Uhren oder Handtaschen von Nobeldesignern: Sie werden mit Kennerblick inspiziert – auch weil Fälschungen im Umlauf sind.
erschienen im Mannheimer Morgen am 13. April 2026
Nicht nur Rolex-Zeitmesser können ein Vermögen kosten, auch andere Uhren mit Kultstatus. Und die werden auch schon mal beim Mannheimer Leihamt als Pfand hinterlegt. „Wir haben eine Patek Philippe mit 130.000 Euro beliehen“, erzählt Uhrmachermeister Helmut Dietz, der als Schätzer in der kommunalen Einrichtung tätig ist. Neben Edelmetallen wie Gold gelten noble Chronometer als Wertepfand für Sofortkredite.
Ein Gespräch mit dem Uhrmachermeister, der keine hochwertigen Uhren mehr repariert, aber sie öffnet und mit Kennerblick inspiziert, offenbart: In dem Handwerk zur Zeitbestimmung haben sich die Zeiten geändert. Das Geschäft mit Chronometern im Luxussegment boomt zwar – aber der Nachwuchs fehlt, wie die Bundesagentur für Arbeit beklagt. Helmut Dietz berichtet, dass es immer weniger kleine Betriebe gibt, die ausbilden können oder wollen. Und obendrein bei jungen Menschen das Interesse am Erlernen dieser alten Profession nachgelassen hat.
Und so dürfte die Berufsbiografie des in einem kleinen Betrieb ausgebildeten Uhrmachers, der 1990 die Meisterprüfung absolvierte und danach unter anderem als Werkstattleiter bei Eterna Porsche Design, als Mitentwickler einer Weltzeituhr bei Sinn in Frankfurt und bei Friedo Frier tätig war, künftig so etwas wie Seltenheitswert besitzen. Seit 2022 vervollständigt Helmut Dietz das Schätzerteam in Deutschlands ältestem öffentlichen Leihamt – einst „der große Schrank von Mannheim“ genannt.
Bei einem gewünschten Darlehen von mehr als tausend Euro – manchmal auch darunter – wird in jede Uhr geschaut. Zum Ermitteln des aktuellen Wertes, so Dietz. Und natürlich, um zu sehen, ob bereits Reparaturen vorgenommen oder Originalteile ausgetauscht wurden. Ohne Spezialwerkzeuge bleiben nämlich meist Kratzer oder Mini-Schäden. Deshalb benutzen Helmut Dietz wie seine Kollegin Alina Sprenger, ebenfalls Uhrmachermeisterin, Original-Gehäuseöffner der jeweiligen Markenhersteller. Das Testen der Wasserdichtigkeit erfolgt ohne einen Tropfen Wasser mittels eines Gerätes, das Druckluft erzeugt. Die Prüfung der Ganggenauigkeit sei „so etwas wie ein EKG“, um festzustellen, „wie fit die Uhr ist“. Und natürlich wird alles protokolliert.
Und wie viele der für mehrere tausend Euro beliehenen Zeitmesser bleiben liegen und kommen in die Versteigerung? „So gut wie keine“, kommentiert der Schätzer und erläutert, dass ohnehin von allen hinterlegten Wertgegenständen 97 Prozent ausgelöst werden. Was auch für das mit 130.000 Euro Sofortkredit bedachte Exemplar von Patek Philippe zutrifft – wohl die im Mannheimer Leihamt am höchsten beliehene Uhr.
Erstaunlicherweise inspiziert der Uhrmachermeister auch Designertaschen. Er hätte sich nie träumen lassen, eines Tages hochwertige Produkte aus Leder zu begutachten, räumt Helmut Dietz ein, der sich rund um Nobeltaschen schulen ließ. Im September 2022 gab das Leihamt bekannt, dass es Pfandkredite für Designerhandtaschen und noble Accessoires wie Gürtelschließen oder Geldbörsen gewährt. Beliehen oder angekauft werden Modelle der Marken Chanel, Hermès, Louis Vuitton, Gucci, MCM und Prada.
Wie bei Luxusuhren werden auch bei Designertaschen Eigentumsnachweise verlangt, etwa Rechnungen, Staubbeutel oder Box. Und für jene Statussymbole, die statt am Handgelenk in der Hand, am Arm oder über die Schulter getragen werden, gilt ebenfalls, dass Fälschungen im Umlauf sind. „Man muss auf Details achten.“ Helmut Dietz zeigt eine nachgeahmte Louis-Vuitton-Tasche, bei der die Nähte unterschiedlich große Stiche haben und das Monogramm-Muster nicht symmetrisch verläuft.
Wer Gelegenheit hat, im gesicherten Keller einen Blick in Regale mit den Nobeltaschen zu werfen, sieht natürlich nur Originalkartons beziehungsweise Staubbeutel samt Registraturkärtchen. Bereits im November 2023 ist ein hier gelagertes Modell von Louis Vuitton aus einer limitierten Edition Neo Noe mit 1600 Euro beliehen worden. „Die Gebühren werden seitdem regelmäßig bezahlt“, so Dietz. Hingegen ist jene Chanel-Damentasche, die für einen Pfandkredit in Höhe von 2800 Euro hinterlegt wurde, erst unlängst gebracht worden.
In direkter Nachbarschaft der Nobeltaschen präsentieren sich auch andere Pfänder. Darunter eine kleine Kaminuhr, für die im August 2005 ein Kredit von 350 Euro gewährt wurde. Die inzwischen geleisteten Verlängerungskosten dürften sich auf ein Vielfaches summiert haben. Helmut Dietz deutet auf eine Klarinette und erzählt, dass diese zunächst gar nicht angenommen werden sollte – weil Eigentumsnachweise fehlten. Deshalb habe der Mann darauf eine Melodie gespielt, um seiner Geschichte vom Familienbesitz glaubhaft Klang zu verleihen.