„Man vergisst keinen Menschen – und keine Geschichte“

06. Mai 2026 AutorStephan Kirchner
Portrait von Mitarbeiterin Sabine Seitz.

Sabine Seitz sieht das Leihamt als "persönlichen Ort" | Foto: Axel Heiter

25 Jahre im selben Beruf – das ist heute alles andere als selbstverständlich. Für Sabine Seitz ist es vor allem eines: eine Zeit voller Begegnungen, Geschichten und Erfahrungen, die geblieben sind.

Ein Gespräch über einen ungewöhnlichen Berufsweg, prägende Momente – und darüber, warum ihre Arbeit weit mehr ist als nur ein Job.

 
Frau Seitz, wenn Sie auf Ihre 25 Jahre im Leihamt zurückblicken – wie hat alles begonnen?

Eigentlich ganz anders, als man vermuten würde. Ich habe ursprünglich Friseurin gelernt und hatte mit dem Leihamt überhaupt keine Berührungspunkte. Ein Bekannter, der hier gearbeitet hat, hat mich irgendwann angesprochen: „Wir suchen jemanden für die Auktionen.“

Ich habe mich beworben – und war sofort begeistert. Diese Mischung aus unterschiedlichen Aufgaben und der Kontakt mit Menschen, das hat mich direkt angesprochen. Ich habe dann viele Jahre in der Auktionsvorbereitung gearbeitet und mich auch weitergebildet: zum Beispiel beim Diamantkurs in Pforzheim oder in Idar-Oberstein im Bereich Farbsteine.

Das war für mich nie einfach nur ein Arbeitsplatz. Ich bin da richtig reingewachsen.

 

Was ist Ihnen aus all den Jahren besonders im Gedächtnis geblieben?

Ganz klar die Menschen. Ich kenne einige Kundinnen und Kunden seit über zwei Jahrzehnten. Man begleitet sich ein Stück weit durchs Leben, auch wenn die Kontakte oft nur kurz sind.

Und dann gibt es diese einzelnen Begegnungen, die man nicht vergisst. Eine ältere Dame zum Beispiel, die jeden Monat kommt, um sich einen kleinen Betrag zu leihen – vielleicht 20 Euro. Oder ein junger Mann, der seine Lederjacke bringt, um 15 Euro zu bekommen.

Das sind keine großen Summen, aber dahinter stehen oft ganze Lebenssituationen. Und dann gibt es auch die schweren Fälle – Menschen, die nicht mehr wissen, wie sie ihren Alltag finanzieren sollen oder wie sie über die nächste Woche kommen.

Solche Momente gehen einem nahe. Und sie bleiben.

 

Was machen diese Erfahrungen mit einem?

Sie verändern den Blick. Man merkt mit der Zeit sehr deutlich: Im Leben ist nichts selbstverständlich. Es kann sehr schnell passieren, dass sich etwas verschiebt – gesundheitlich, beruflich oder finanziell.

Das macht einen vorsichtiger, aber auch verständnisvoller. Man urteilt weniger schnell. Und man hört genauer hin.

 

Hat sich die Arbeit in diesen 25 Jahren verändert?

Ja, die Veränderungen sind spürbar. Die Menschen sind insgesamt unsicherer geworden. Da ist viel Angst – vor Krieg, vor Armut, vor dem, was noch kommt. Das merkt man auch daran, dass viele vorsichtiger mit ihrem Besitz umgehen. Viele möchten Dinge nicht mehr endgültig abgeben, sondern nur beleihen.

Was sich ebenfalls verändert hat: Die Kundschaft ist jünger geworden, und die Werte der Pfänder sind oft höher. Das zeigt, dass diese Unsicherheit längst nicht mehr nur einzelne betrifft. Sie reicht bis in die Mitte der Gesellschaft.

 

Und diese Unsicherheit ist zu spüren?

Sehr deutlich sogar. In unsicheren Zeiten steigt das Bedürfnis nach flexiblen Lösungen. Viele möchten nichts verkaufen, sondern Dinge einfach behalten. Gerade beim hohen Goldpreis sehen wir oft, dass Kundinnen und Kunden ihren Schmuck lieber beleihen, statt ihn endgültig abzugeben. Das zeigt auch: Oft geht es nicht nur um Geld, sondern auch um Erinnerungen und Besitz.

 

Wie gehen Sie mit solchen emotionalen Momenten um?

Mit Respekt. Viele bringen Stücke mit, an denen Erinnerungen hängen. Ein Ehering, eine Uhr des Vaters, eine alte Kamera. Manche erzählen Geschichten dazu, andere bleiben ganz sachlich. Aber man merkt es oft: Es ist mehr als ein Objekt. Und wir behandeln es entsprechend. Wer etwas bei uns beleihen möchte, soll wissen: Es wird sicher verwahrt – und es gehört weiterhin Ihnen.

 

Wenn Sie heute auf Ihre 25 Jahre zurückblicken: Was bedeutet Ihnen diese Zeit?

Sehr viel. Es war nie langweilig, und es war nie nur Routine. Jede Begegnung ist anders, jede Geschichte ist anders.

Man nimmt unglaublich viel mit – auch für das eigene Leben. Und man merkt, dass man mit seiner Arbeit wirklich etwas bewirken kann, auch wenn es oft nur kleine Dinge sind.

 

Was würden Sie jemandem sagen, der überlegt, im Leihamt zu arbeiten?

Dass es ein Beruf ist, der viel zurückgibt – wenn man sich darauf einlässt.

Man braucht Verständnis für Menschen, man sollte offen sein und auch mit schwierigen Situationen umgehen können. Aber man bekommt auch viel zurück: Vertrauen, Begegnungen und das Gefühl, wirklich gebraucht zu werden.

Für mich war es genau die richtige Entscheidung.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Leihamts?

Dass es seinen Platz behält. In einer Welt, in der vieles schnell und anonym geworden ist, bleibt das Leihamt ein persönlicher Ort. Wir hören zu, wir erklären, wir helfen. Und wir geben den Menschen etwas, das heute nicht mehr selbstverständlich ist: Zeit, Vertrauen – und die Möglichkeit, etwas wiederzubekommen, das ihnen wichtig ist.

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